Indizien der Figur

 der Metallplastiker  Ulrich Barnickel

 

Künstlerisches Schaffen bedeutet für Ulrich Barnickel vor allem Denken und Arbeiten mit Eisen und Stahl. Wie kaum ein anderer kennt er die Möglichkeiten und Grenzen des Materials als bildnerisches Gestaltungsmittel. Mit handwerklicher Souveränität nutzt er für dessen Bearbeitung althergebrachte Werkzeuge und Techniken aber auch moderne Maschinen und ungewöhnliche Verfahren. Im Ausprobieren und Kombinieren vielfältiger Arbeitsprozesse entwickelt er seine künstlerische Kreativität. Ihn reizt die enorme Stabilität des Materials, die selbst bei relativ kleiner Standfläche vergleichsweise große Spannweiten im Raum aushält. Bearbeitungs- und Arbeitsspuren werden nicht getilgt, sondern entwickeln sich zu einer spezifischen Oberflächenstruktur. Das Fragmentarische wird zum Gestaltungsprinzip. Aber auch wenn Materialeigenschaften und Zufallsergebnisse für die Arbeit genutzt werden, so ist letztlich sein Formwille immer entscheidend.

 

Für Ulrich Barnickel bedeutet Plastik vor allem Formulieren seines Weltverhältnisses. Ihn interessieren die Menschen als gesellschaftliche Wesen, wie er sie im Alltag erlebt oder wie sie uns mit ihren Träumen und Konflikten in Literatur und Mythologie überliefert sind.               

Zu Beginn seines künstlerischen Werdegangs widmete er sich vor allem der vollrunden Plastizität von Köpfen und Körpern. Dabei konzentrierte er sich auf die Gestaltung eines individualisierten unverletzten Menschenbildes. Spätere Arbeiten zeigen eine differenziertere Sicht. Abstrahierte Figur- und Gestaltauffassungen und übersteigerte Gesten verstärken die Ambivalenz der Aussagen. Nichts scheint mehr endgültig zu sein, alles wird in Frage gestellt und ist Veränderungen ausgesetzt. Seine Einzelfiguren beziehen sich auf sich selbst und auf ihren räumlichen Kontext. Kompaktheit und Fragilität bilden die Pole ihrer körperlichen Präsenz und gelten als Metapher des Widerspruchs für menschliche Existenz. Dabei wird bei einigen seiner mythischen Figuren das Ausgeliefertsein in einem imaginären Raum besonders deutlich. Es gibt bei ihnen keine stabile Mitte. Von kleinen Fußpunkten führen gegenläufige Bewegungsströme über die Gliedmaßen zum Körper und enden dort unvermittelt. Ohne Kopf und Arme erscheinen die Gestalten wehrlos und ihre schrundigen Oberflächen offenbaren den gewalttätigen Formungsprozess.

Der Künstler zeigt aber auch Heiter-Groteskes. Besonders Tanzmotive inspirieren ihn bei seinen Plastiken zu ungewöhnlichen Haltungen und Gesten. Bei einigen kontrastiert üppige Körperlichkeit mit staksig dünnen Gliedmaßen, bei anderen mutieren die Formen zu amorphen Gebilden. Bizarre Silhouetten und die Rhythmisierung des Massevolumens betonen die Eigenart dieser Figurationen. Das Arbeiten mit Metall bedeutet für Ulrich Barnickel  immer die Suche nach einer adäquaten Form.

 

Text:  Dr. Ingrid Maut, September 2009